Was ist „Therapeutisches Erzählen?“

Therapeutisches Erzählen

von Martin Niedermann, aus: Seelpflege, Beiträge zur anthrop. Heilpädagogik
«… ein gutes Heilmittel auf psychologischem Gebiet ist das, dass man erfinderisch
ist und dem Jungen eine Geschichte erzählt, die man erfunden hat, in der nun seine
Eigenschaft eine Rolle spielt …»
R. Steiner, Heilpädagogischer Kurs

Einleitung

«Ein freundlicher Esel, Noldi hiess er, war todunglücklich, denn er durfte
nicht in die Nähe seiner über alles geliebten Stute namens Madouce.
Was er auch unternahm, sie liess ihn nicht näher als fünf Schritte an
sich heran. Er wusste nicht, warum sie sich so anstellte, doch er liebte
sie und früher war sie ihm auch zugeneigt, aber nun ging gar nichts
mehr…»
So beginnt eine Geschichte, welche ich der Werkklasse in einer Heilpädagogischen
Schule im Unterricht erzähle. Sechs Schüler sitzen da und hören zu, wie ich stocke.
«Wie geht die Geschichte weiter?» möchte einer wissen. Ich weiss es – im Moment
jedenfalls – nicht. Vielleicht fällt mir noch etwas ein, ich hoffe es.
Geschichten können ein Heilmittel sein, genauer gesagt, eine therapeutische Mass-
nahme. Diese Geschichte bezieht sich nicht auf die ganze Klasse, sie betrifft vorwie-
gend einen Schüler. Über ihn haben wir uns im Kollegium Gedanken gemacht, wie
wir ihn darin unterstützen können, seine übermässige Fixierung auf ein Mädchen zu
lösen, ohne in eine Depression zu verfallen, wie das zuvor schon einmal geschehen
war. Ich erzähle die Geschichte weiter

 

… Wie Madouce weggebracht wird auf eine Esel-Alp, Noldi aber auf der Weide blei-
ben soll. Ich erzähle davon, wie Noldi beschliesst, heimlich seiner geliebten Eselin zu
folgen. Ich male aus, was für gefährliche Wege er nehmen muss, wie er die Gefahren
meistert und auf der Esel-Alp ankommt. Madouce wurde aber in der Zwischenzeit auf
eine andere Weide gebracht, nur mit Kühen, weil sie die andern Esel immer wieder
drangsaliert hatte. Noldi bleibt trotzdem auf der Esel-Alp, er lernt freundliche Stuten
kennen und eine davon, Esmeralda, ist ihm besonders zugeneigt. Er beschliesst den
Sommer mit ihr hier zu verbringen. Madouce sieht er ab und zu, aber begeistern kann
er sich nur noch für Esmeralda.
Bei der nächsten Besprechung im Kollegium war die Fixierung des Jungen kein drin-
gendes Anliegen mehr. Sie war noch vorhanden, aber in einem für den Jungen hand-
habbaren Rahmen. Da keine Therapien angesetzt waren, erschien die Veränderung
auffällig. Hatte die Erzählung eine Wirkung, so war es ‹therapeutisches Erzählen›.
Tradition des therapeutischen Erzählens
Das Erzählen von Geschichten ist eine jahrhundertealte Tradition. In Spinnstuben
wurden ausgiebig Schwänke und Mären zur Unterhaltung erzählt. Umherziehende,
abgedankte Soldaten verdienten sich mit Geschichten aus fremden Landen ein Zubrot
bei Bauern und ihrem Gesinde. Wenn Menschen zusammen kamen, wurde erzählt:
Im Wirtshaus, wie auch vor, während und nach der Predigt in der Kirche. Bis fast in
die heutige Zeit hat sich in ländlichen Gebieten das ‹Dorfen› und ‹Ubersitzen› als
Erzählplattform erhalten. Auch das Geschichten erzählen im therapeutischen Kontext
ist keine Neuerfindung. Therapeutisch meint hier: Erzählungen, welche eine Absicht
verfolgen, die auf eine Änderung hinzielen. So wie beispielsweise im Neuen Testa-
ment die sogenannten Gleichnisse für den einen oder anderen Zuhörer therapeu-
tische Geschichten waren. Ebenso erzählten Druiden, heilkundige Frauen, Priester,
Rabbinen oder Schamanen Geschichten mit der Absicht, etwas zu bewirken, sei es
eine Veränderung oder eine Heilung. Heute sind Geschichten in Kinder- und Familien-
therapie, Heilkunde oder Psychotherapie eine anerkannte und bewährte Möglichkeit,
um Prozesse, Entwicklung und Heilung anzuregen.
Auch Rudolf Steiner zeigte die Möglichkeit der Geschichte als therapeutische Methode
auf. Im Heilpädagogischen Kurs wird an unterschiedlichen Stellen auf die Wirksamkeit
des Erfindens und Erzählens von Geschichten hingewiesen. Steiner nannte dieses
Erzählen eine therapeutische Massnahme, mit Anwendungsvorgabe und Wirkungs-
beschreibung, lange bevor der Begriff ‹Therapeutisches Erzählen› erfunden war.
Nicht nur in der Heilpädagogik sind Geschichten wichtig. Im pädagogischen Lehrplan
der Waldorfschule ist das Erzählen fest verankert. Aus den pädagogischen Vorträgen
wissen wir, wie Märchen, Sagen, Legenden und Erzählungen die Entwicklung der
Kinder und Jugendlichen begleiten. Jede kindliche Entwicklungsstufe wird mit ent-
sprechenden Erzählungen gefördert bis in die Oberstufe. Auch bei Erwachsenen kann
die Aufmerksamkeit durch Erzählungen gestärkt werden. Steiner selbst bediente sich
hin und wieder der Methode des Erzählens in seinen Vorträgen, damit seine Zuhörer
die Inhalte erleben konnten. Somit lässt sich feststellen, dass es einerseits pädago-
gische Geschichten gibt, welche die kindliche Entwicklung begleiten und fördern und
andererseits therapeutische Geschichten, welche auf Verhalten, Handlung und auf
die Konstitution wirken.
Das gezielte Arbeiten mit Erzählungen in Heilpädagogik, Therapie, Sozialtherapie
oder Pflege wurde bisher wenig bearbeitet und erforscht. Man darf sich fragen, warum
heute verhältnismässig wenige Menschen das «Erzählen mit Absicht» von Steiner
kennen, obwohl er einer der ersten war, der Geschichten als Therapie anregte.
Das im letzten Jahrhundert mit Milton Erickson in der Psychotherapie entstandene
therapeutische Erzählen entwickelte sich hingegen weiter.

Moderne Grundlagen der Erzähltherapie

Die meisten Ansätze der therapeutischen Verwendung von Metaphern und Geschich-
ten gründen sich auf Milton Erickson (1901 – 1980), einen amerikanischen Psychiater
und Psychotherapeuten, und seine Ansichten der medizinischen Hypnose und Hyp-
notherapie. Dabei werden therapeutische Geschichten so verstanden, dass Elemente
der Hypnose selbstwirksam sind. Trance, Rapport und Suggestion sind bei der Hyp-
nose und dem therapeutischen Erzählen die Indikatoren.
Begriffsklärung
Hypnose wurde im 17 Jhd. von der Wissenschaft wahrgenommen und vielfach als Irr-
glauben und Selbsttäuschung belächelt. Franz Anton Messmer experimentierte mit
Magneten, welche er Personen auflegte und diese damit in ihrem Empfinden und
Verhalten beeinflusste. Hypnose blieb bis ins 19. Jahrhundert so etwas wie eine
Jahrmarktsensation. Erst der Deutsche Hirnforscher Oskar Vogt verfolgte um 1910
die Entwicklung der Hypnose mit wissenschaftlichem Interesse. Auch Sigmund Freud
experimentierte mit Hypnose, verwarf sie aber in seinen Behandlungen zugunsten
der freien Assoziation. Der Hypnose aber blieb in dieser Form, wie sie wahrscheinlich
auch Rudolf Steiner kennenlernte, immer etwas Anrüchiges haften, zwischen unse-
riöser Manipulation und Jahrmarkthokuspokus. Erst Milton Erickson entwickelte im
20. Jahrhundert eine moderne Form der indirekten Hypnose, aus welcher sich die
Hypno-Therapie, das therapeutische Erzählen und als psychologische Methode NLP
(neurolinguistisches Programmieren) entwickelte.
Hypnose wird als ein Zusammenwirken von Trance, Rapport und Suggestion verstanden:
Trance ist die (selbst) herbeigeführte Konzentration auf wenige Reize, erinnerte oder
imaginierte Wahrnehmungen.
Rapport meint eine Identifikation mit seinem Gegenüber. Er kann sich im Zusammen-
klang beim Sprechverhalten, den Gefühlen und Handlungen äussern. Wird die Kon-
zentration auf einen Sprecher ausgerichtet, spricht man von Hypnose.
Suggestion: Beeinflussung einer Vorstellung, Empfindung oder Handlung. Für das
Erzählen spielt Implikation (z.B. in Metaphern, Geschichten und Andeutungen) eine
grosse Rolle (vgl. Hammel 2011, S.20).
In der Hypnotherapie nach Milton Erickson wird vor allem mit dem Unterbewusst
-sein gearbeitet. Methoden und Verständnis von menschlichem Verhalten bauen auf
Zusammenarbeit, Beeinflussung und Ausdruck von Bewusstem mit Unbewussten.
Eine genaue Erforschung von menschlichem Verhalten und einer daraus entwickelten
methodischen Anwendung lassen grosse Möglichkeiten zum Verständnis und zur The-
rapie von seelischen Einseitigkeiten zu.

Therapeutisches Erzählen im Heilpädagogischen Kurs

Im Heilpädagogischen Kurs erzählte Rudolf Steiner Geschichten und regte das Erzäh-
len als therapeutische Methode an. Um beispielsweise den Stand der damaligen Psy
-chotherapie zu verdeutlichen, gab er eine Geschichte aus einem Zeitungsabschnitt
über den Kriminalpsychologen Dr. Wulffen wieder. Rudolf Steiner veranschaulichte
damit eine wesentliche Erkenntnis: Die Psychotherapie erfasst hier das oberflächliche
Seelenleben und kann irreführen. Im dritten Vortrag zeigte er mit einer Erzählung auf,
wie die Verwandlung vom Diebes-Sinn in Dichter-Sinn sein kann. Im fünften Vortrag
erzählte er die Geschichte vom kindlichen Verhalten in der Klasse, um die Polarität
von Aufgeregtheit und Apathie zu verdeutlichen. Ebenso stellte Steiner mit einer
Geschichte dar, wie Diät einer Krankheit entgegenwirkt.
Zur therapeutischen Anwendung kommt das Erzählen als Massnahme bei Kleptoma-
nie (3.Vortrag), bei amoralischem Verhalten (9.Vortrag), bei unruhigem Schlaf und
Zappeligkeit (8. Vortrag: «… Lassen sich Träume erzählen), Hysterie und Depressions
-zustände, (9. Vortrag: «…Aufregendes erzählen und ruhig bleiben»), Zwangsvorstel-
lungen (5.Vortrag: «Abraunen»).

Geschichten erzählen: eine therapeutische Methode in der Heilpädagogik und

Sozialtherapie

Das Geschichten erzählen ist eine therapeutische Methode für erzieherisch/pädago-
gisch Tätige. Alle, welche in pädagogisch/sozialer Beziehung zu betreuten Menschen
stehen, können mit Geschichten helfen und unterstützen. Das therapeutische Erzäh-
len ist unmittelbar auf das Verhalten des betreuten Menschen bezogen. Gewohn-
heiten können sich ändern, Empfindungen beeinflusst werden und Einsichten in das
eigene Tun können erwachen.

Erzählen mit Auftrag

Therapeutisches Erzählen bedingt eine therapeutische Idee: Ein Verhalten wird the-
matisiert und ein Auftrag herausgearbeitet. Dieser findet sich als Aussage in der
Geschichte. Es steht dem Zuhörer frei, den Auftrag anzunehmen oder nicht. Er kann
auch ganz andere Ideen oder Angebote als beabsichtigt hören und für sich weiterent
-wickeln. In einer Therapiesituation wird erst gehandelt, wenn dafür ein Auftrag erteilt
worden ist. In der Arbeit mit zu betreuenden Menschen handeln wir in einem Auftrag.
Wenn der Auftrag, wie Steiner im Heilpädagogischen Kurs meint, eine Besserung des
jetzigen Zustandes beabsichtigt, dann ist es sinnvoll, therapeutische Geschichten zu
erzählen. Oder, wie es in der Hypnotherapie heisst: Leid vermindern, Glück vermeh-
ren. Das Wunderbare an den Geschichten ist, dass sie freilassend Möglichkeiten zur
Veränderung anbieten.

Für wen sind therapeutische Geschichten geeignet?

Geschichten eignen sich für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Der Inhalt wird
jeweils der biografischen Situation und dem Verhalten angepasst (Interesse,
Lebensfragen, Weltverständnis, Eigenerfahrung, Einseitigkeit usw.). Es gibt keine
kognitive oder intellektuelle Einschränkung. Geschichten sollen den Zuhörenden
ansprechen. Wie das geschieht, ist von dem Erzähler, dem Zuhörer und deren Bezie-
hung abhängig. Hier gibt es, wie auch sonst in der Kommunikation, viele Möglich-
keiten ‹ansprechend› zu erzählen. Steiner empfahl einmal, Gesten des Jugendlichen
in die Geschichte mit einzubeziehen. Man kann als Erzählender das Gefühl haben,
man rede an eine Wand und trotzdem kann sich etwas verändern. Man darf der Kraft
der Geschichte vertrauen.
Menschen können mit Geschichten unterschiedlich erreicht werden. Dazu eignen
sich Erzählungen mit Worten und ohne Worte (mit Metaphern, gemalt, mit Gesten
oder durch Pantomime). Therapeutische Geschichten können für einzelne Men-
schen erzählt werden und ihre Anliegen behandeln. Für andere Zuhörer können sie
ebenfalls von Interesse und ein Genuss sein. Geschichten sind Angebote für eine
neue Sichtweise. Wer ‹Hunger› hat, wird sich bedienen.

Wann sind therapeutische Geschichten angesagt?

Es gibt keine unpassenden Momente für gute Geschichten. Die Kunst besteht darin,
zum richtigen Zeitpunkt die passende Geschichte zu finden. Wer mit Erzählen beginnt,
kommt sich hin und wieder vor wie jemand, der einen Brunnen zu graben versucht.
Bevor das Wasser genutzt werden kann, wird es trüb und spärlich fliessen. Wer mit
Vorsicht tiefer gräbt, wird mit der Zeit auf kräftig sprudelndes, klares Wasser stossen.
Es ist sinnvoll, wenn man das Erzählen in jeder Situation übt.
Wer etwas veranschaulichen will, wer um Erklärungen ringt oder wer schwerverständ-
liche Themen unterrichtet, hilft sich am besten mit einer Geschichte. Geschichten sind
hilfreich, um andere zum Denken anzuregen. Eine therapeutische Erzählung kann
neue Einsichten ermöglichen. Probleme, Werte oder Verhalten können mit Geschich-
ten erfasst und in einer Erzählung angesprochen werden. Sie kann Wege, Lösungen
und Entwicklung in einer Krise erschliessen. Auch bei pädagogischen Interventionen
in Pädagogik und Sozialtherapie sind Geschichten hilfreich. Rudolf Steiner verdeutli-
chte ebenso, wie bereits oben beschrieben, die komplexen Inhalte seiner Vorträge mit
Erzählungen, Anekdoten, Zeitungsausschnitten oder Märchen.

Welchen Nutzen hat das therapeutische Erzählen?

In Therapie, Coaching, Beratung und Supervision sind Geschichten nützlich, um Blo-
ckaden zu überwinden und neue Lösungsansätze zu erfassen. Probleme in Geschich-
ten zu erörtern, heisst, mit innerer Leichtigkeit und Engagement Lösungen zu finden.
Im therapeutischen Erzählen befassen sich Geschichten ohne bleierne Schwere
und belastende Gespräche mit Problemen. Das Erzählen von Geschichten, welche
eine reale Situation stellvertreten, ist leichter und führt schneller zu Einsichten und
Lösungen. Humor und Kreativität im Finden und Erzählen ist auch für den Pädago-
gen/Begleiter erbauend und anregend. Somit ist ein Problem, welches durch den
Geschichten-Prozess bearbeitet wird, ressourcenorientiert lösbar.

Wie können Geschichten wirken?

Geschichten wirken therapeutisch, wenn sie Zugang zum Menschen finden. Im Heilpä-
dagogischen Kurs wirkt das Erzählen therapeutisch, indem es direkt die menschliche
Konstitution anspricht. Demnach kann beispielsweise bei dem Beispiel des klepto-
manen Jungen im dritten Vortrag der überschiessende Astralleib durch Geschichten
so engagiert werden, dass er mit dem Ätherleib zusammenarbeiten kann und der
Junge das Stehlen überwindet. Geschichten wirken in diesem Falle nur, wenn sie mit
grossem Interesse und intensiver Beteiligung erzählt werden.
Ansätze des modernen therapeutischen Erzählens sind aus der Hypnotherapie,
respektive aus der Psychotherapie heraus entwickelt. Das Unbewusste wird direkt
angesprochen, es hört Botschaften und reagiert darauf. Aber nicht alles, was das
Unbewusste zu hören bekommt, wird (sofort) umgesetzt. Es gibt Kriterien, nach wel-
chen sortiert und unterschieden wird. Die Möglichkeiten mit Trance, Suggestion und
Rapport Geschichten als Therapie zu nutzen, können das Verständnis für das thera-
peutische Erzählen ausserordentlich erweitern und differenzieren.
Im Heilpädagogischen Kurs wird im zweiten Vortrag dargestellt, wie Heilpädagogik
wirken kann. Das, was vom Menschen (gespiegelt) von seiner Individualität fassbar
wird, ist das Seelische (Denken, Fühlen und Wollen). Das Tor zum Wesen des Kindes
ist also Denken, Fühlen und Wollen. Trance, Rapport und Suggestion sind im Erzählen
die Tore zum Unbewussten; Denken, Fühlen und Wollen zum Wesen des Kindes.

Suggestion, Trance und Rapport

Trance: Arbeiten mit der Gefühlswelt
Beim Geschichten hören taucht der Zuhörende in eine besondere Seelenstimmung,
die ihn auf einige wenige Sinneseindrücke konzentrieren lässt. Er kann innere Wahr
-nehmungen, echte oder imaginierte, erleben und blendet störende Einflüsse aus.
Milton Ericson nennt es Trance. Es ist ein Zustand, welchen wir alltäglich erleben
können, beim Autofahren, Musikhören, Lesen. Es ist eine Konzentration auf innere
Bilder und Tagträume.
Rapport: Ansprache an das Wollen
Die Beziehung vom Erzählenden zum Zuhörenden muss tragend sein. Es geschieht
eine Identifikation mit dem Gegenüber, so dass gewissermassen die beiden Identi-
täten verschmelzen und gemeinsam eine ‹Wellenlänge› finden. Beim Erzählen ver
-stärkt sich der Zustand, wenn gemeinsam Emotionen und der Handlungsablauf erlebt
werden. Dieser Zustand wird Rapport genannt.
Suggestion: Veränderung durch Gedanken
Die Veränderung des Denkens, Gefühlslebens und Verhaltens benötigt eine Botschaft,
offen oder versteckt, die darauf abzielt, Überzeugungen zu hinterfragen und Verhalten
zu ändern. Therapeutische Geschichten sind auf den Zuhörer ausgerichtet, enthalten
für seine Situation eine Parallele, welche als Angebot aufgenommen werden kann.
Diese Qualität bietet die Suggestion.
Geschichten sind der Schlüssel durch das Seelische zum unbewussten Wesen.

Wie sind therapeutische Geschichten aufgebaut?

Struktur und Inhalt
Probleminhalte ändern sich, die Struktur der vermeintlichen Lösungen aber bleibt
und schafft sich oftmals ein neues Problem. Inhalte mit Geschichten verändern zu
wollen, ist moralin und wird oft mit innerer Abwehr beantwortet. In der Geschichte
vom Esel Noldi hiess es nicht: «Dean, du bist ein Esel, weil du immer an die Stefanie
denkst. Lass das doch mal. Du weisst, das führt nur zu Problemen.» Das inhaltliche
Herausheben des Problems in einer Erzählung wird als therapeutische Geschichte
scheitern. Die Struktur des Verhaltens wird in dieser Erzählung vom freundlichen Esel
beschrieben: Stark zum anderen Geschlecht hingewendet sein, sich selbst aufgeben,
abgewiesen werden, Hindernisse haben. Das beschreibt die Struktur, das Verhalten
des jungen Mannes. Steiner fordert auf, das Strukturelle noch zu steigern, indem man
Gesten des Kindes einbringt.

Thema und Intervention

Das Thema der Geschichte ist in diesem Falle: unglücklich verliebt sein, Ausgrenzung
und Selbstvertrauen. Wird über die Struktur eine Geschichte aufgebaut, kann sie auch
für andere Menschen ideal sein, welche einen anderen Aspekt in der Geschichte für
sich wichtig finden. Für den Erzählenden ist das Hinblicken auf das Thema und die
Struktur insofern hilfreich, weil es ihm auch ermöglicht, sich von einer zu starken
Befangenheit und verbauter Objektivität zu lösen. Geschichten sind auch für Pädago-
gen, Erzieher und Betreuer aus diesem Grunde äusserst wertvoll.
Die Intervention in der Geschichte ist die Frage nach der Wirkung. Therapeutische
Geschichten können auf drei Arten wirksam sein:
1. Sie zeigen einen Weg aus dem Problem,
2. sie zeigen eine Möglichkeit, wie man damit leben kann,
3. und sie bringen das Verständnis des persönlichen Weltbildes so durcheinander,
dass eine neue Suche begonnen werden muss.
In der zu Beginn erwähnten Geschichte findet Esel Noldi dadurch eine Freundin, weil
er sich auf den Weg macht (Intervention 1).
Eine ganz andere Geschichte wäre es, wenn er weiss, dass er sie nicht bekommen
kann. Trotzdem führt er ein gutes Leben, ohne dass dabei sein Problem der Abwei-
sung offensichtlich gelöst wäre (Intervention 2).
Wenn Noldi aber auf die Alp kommt und die Eseldame nicht da ist, muss er eine
neue Lösung finden. Er geht zu den Kühen, wird Astronaut oder lernt schwimmen. Die
Erzählung bietet keine Lösung (Intervention 3).
Die Interventionen lassen sich auch in die pädagogischen Massnahmen und sozialen
Fragen erweitern: Wann arbeite ich mit dem pädagogischen Gesetz, wie erreiche ich
die Wesensglieder, mit welchen sozialen Gesetzen arbeite ich in der Erzählung usw.?
Therapeutische Geschichten wirken, das kann beobachtet werden. Die Frage, warum
sie wirken und was an der Geschichte wirkt, eröffnet dem Erfinder und Erzähler eine
Einsicht in die Sichtbarkeit des Unbewussten, respektive in die Wirkung der Wesens
-glieder im Menschen.

Beispielgeschichte

T= Themen in der Geschichte
I= Intervention, Wirkung
Verhalten: Ein autistischer junger Mann klopft bei der Begrüssung aufgeregt und kräf
-tig auf Schultern und Rücken der andern. Es war mir nicht möglich, die Handlung zu
verändern. In einer Freistunde entwickelten er und ich eine Geschichte vom Eisbären
Björn.
T = Einsamkeit, Freundschaft, Begegnung.
I = Lösungsangebot in der Erzählung, Werte vermitteln, Belohnung für Verhalten.
Die Glaskugel
Hoch oben im kalten Nordpol lebt der Eisbär Björn. Er sitzt meistens alleine da, friert
und wartet, dass er jemanden kennenlernt. Aber alle fürchten sich vor ihm, denn er ist
stark und unbeholfen. Alles, was er anfasst, geht kaputt. Alle, welche er zwar liebevoll
berühren möchte, schlägt er. Robben kommen nicht zu ihm, Polarfüchse mögen sein
starkes Klopfen nicht und selbst die anderen Eisbären meiden ihn, weil er so grob sei.
So sitzt er jede Nacht alleine auf seinem weiten Eisfeld und denkt über seine traurige
Lage nach.
Eines Nachts, als er in den grossen weiten Himmel schaut, sieht er ein Funkeln und
Leuchten. Ein Ufo, denkt er und beobachtet genau, was passiert. Es sieht aus, als ob
sie im hohen Himmel anhielten und nicht mehr weiter wüssten. Von weitem sieht er,
wie eine Klappe sich öffnet und jemand in die finstere Nacht hinaus ruft: ‹Wo, bitte,
geht’s zum Polarstern?› Das weiss natürlich Björn, weil er ihn ja jede Nacht genau
studiert und zeigt die Richtung. Das UFO fliegt weiter und nimmt Kurs auf den hellen
Stern. Da fällt ihm plötzlich etwas Leuchtendes direkt vor die Tatzen. Er hebt es vor
-sichtig aus dem Schnee und staunt nicht schlecht, es ist so etwas wie eine Glasku-
gel. Das Licht gefällt ihm sehr und als er sie in seine Pranken nimmt und nach alter
Gewohnheit daran klopft und schüttelt, wird sie dunkel und verlöscht. Wütend will
er die Kugel wegschmeissen, doch dann bemerkt er, wie sie sich langsam klärt und
immer heller wird. Und ja, natürlich schüttelt er wieder, damit sie schneller leuchtet,
aber sie wird wieder finster wie zuvor. Und je mehr er schüttelt, desto länger dauert
es, bis die ersten Strahlen aus seiner Kugel strahlen.
Björn merkt: ohne Klopfen und Schütteln leuchtet sie. Und weil es ihm gelingt, seine
Kugel am Leuchten zu halten, scharen sich nun in den dunklen Nächten immer mehr
Robben und Polarfüchse um ihn und freuen sich an der Kugel. Auch die andern Eis
-bären kommen und Björn und sie werden wieder Freunde.
Die Erzählung wirkte. Zwei Wochen, bis zu den Schulferien, musste er deutlich weni-
ger Klopfen bei der Begrüssung. Nach den Ferien war es wieder stärker, drei Wochen
danach wechselte er in eine andere Schule. Wiederholungen derselben Geschichte
hätten die Wirkung verstärkt, evtl. wäre das Klopfen gänzlich verschwunden.
Literatur
Bamberger, G.G. (2010): Lösungsorientierte Beratung. Beltz Verlag, Weinheim.
Erickson, M. E.; Rossi, E.L. (2007): Hypnotherapie , Aufbau, Beispiele, Forschungen. Klett-Cotta
Verlag, Stuttgart.
Hammel, S. (2011): Handbuch des therapeutisches Erzählens. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart.
Hammel, S. (2011): Handbuch der therapeutischen Utilisation. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart. Institut
für Hypnosystemische Beratung (hsb) in Kaiserslautern: Ausbildung Hypnotherapie (Skripte).
Meinhold, W.J. (2010): Das grosse Buch der Hypnose. Edition Co‘med Verlag, Kulmbach.
Steiner, R. (2010): Heilpädagogischer Kurs (GA 317). Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz.
Vogelauer, W. (1998): Coaching-Praxis. Luchterhand Verlag, München